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21. November 2009
 

Elektrischer Reporter

 
Elektrischer Reporter - Twitter. [M] Quelle: ZDF,Johannes Kretzschmar
Ob PC oder Handy - gezwitschert wird auf allen Endgeräten

Globales Gezwitscher

Twitter - digitale Kommunikation mit 140 Zeichen

von Iris Jungels und Julius Endert

Mehr als 20.000 Mal wird Tag für Tag bei twitter.com die Frage "Was machst Du gerade?" beantwortet - und dies jeweils mit höchstens 140 Zeichen. Microblogging-Dienste wie Twitter (deutsch: Zwitschern) sind bei engagierten Netznutzern hoch im Kurs, lösen aber auch ungläubiges Staunen aus: Wer braucht so was?

 
 
 
 

"Ich schließe, nachdem die Rainbow Warrior stromaufwärts passiert hat." Gleichmütig und im stetigen Rhythmus ihrer alten Mechanik meldet die Londoner Tower Bridge per Twitter ihre Aktivitäten ins Web. Schon mehr als 1600 Mal wurde das Öffnen und Schließen der Brücke über die Themse auf diesem Weg bekannt gemacht und von den über 600 "Followern" des ehrwürdigen Bauwerks wahrgenommen.

Was machst Du gerade?

Die Frage: "Was machst Du gerade?" steht im Kern des Kommunikationsdienstes twitter.com. Egal ob Hebebrücke, Politiker oder Ottonormal-Netzbürger: 140 Zeichen müssen dem Twitter-Nutzer reichen, um eine Tätigkeit, einen Zustandsbericht seiner Gemütsverfassung oder Bedeutsameres über das Internet mitzuteilen. Besser gesagt: In die Welt hinaus zu zwitschern, denn im Englischen steht der Ausdruck "to twitter" für "zwitschern".

 

Twitter ist eine Mischung aus SMS, Chat und Blog. Es handelt sich um einen Micro-Blogging-Dienst, der Kurznachrichten über die Twitter-Website weiterleitet und für andere Internetnutzer sichtbar macht. Die Funktionen von Twitter stehen außerdem über eine Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung. Damit kann der Dienst auch unabhängig von der Twitter-Homepage genutzt werden, beispielsweise direkt über einen Internetbrowser, E-Mailprogramm oder ein Mobiltelefon.

Nach dem Klick auf "Follow" beginnt das "Gezwitscher". Quelle: Johannes Kretschmar
Johannes Kretschmar
Ein Klick auf "Follow" genügt: Schon kommen die "Tweets" genannten Nachrichten.

Nutzen erst an zweiter Stelle

So ist es möglich, auch unterwegs jederzeit in Kontakt zur Twittergemeinde zu bleiben. Die Beobachter (Follower) eines Profils, die diese Nachricht empfangen, sind wiederum andere Twitter-Nutzer. Jeder Twitter-Nutzer hat eine Gruppe an Beobachtern, die seine Mitteilungen empfängt und eine Gruppe an Beobachteten, deren Mitteilungen er empfängt.

Der Nutzen kommt bei Twitter erst an zweiter Stelle. An erster Stelle steht das Gefühl, in Kontakt zu bleiben, Lebenszeichen des anderen zu empfangen. Relevanz entsteht aus der Summe der Meldungen und der Beziehungen zwischen Absendern und Empfängern.

 

Auch Politiker zwitschern

Im März 2006 gingen Biz Stone, Jack Dorsey und Evan Williams mit dem Prototyp der Kommunikationsplattform Twitter online. Ein Jahr später nutzten bereits geschätzte 800.000 Menschen weltweit diesen Dienst, mittlerweile sind es mehr als drei Millionen und zahllose Twitter-Klone versuchen, sich an diesen Erfolg anzuhängen.

Infobox

Twitter für Einsteiger

Wer keine anderen Twitter-Nutzer kennt, der kann mit tweetscan.com(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) das Twitter-Netz absuchen und so Gleichgesinnte finden. 30 Tipps zum erfolgreichen Twittern(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) bietet der PR-Blogger Klaus Eck. Einfach den weltweiten Zwitscherstrom erleben, kann man mit twittervision.com(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) - einer Weltkarte, auf der die jüngsten Tweets aufblinken. Mehr oder weniger nützliche Twitter-Erweiterungen(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) hat Cem Basman zusammengestellt.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

Twitter ist so beliebt, dass auch Popstars und Politiker via Kurzmitteilungen Kontakt zu ihren Fans oder Wählern halten. Denn sie haben erkannt, dass diese neue Art der Kommunikation weit wirkungsvoller und mächtiger ist, als es bei einem ersten schnellen Hinsehen den Anschein hat. Es ist eine Art "sozialer Alchemie, die dort entsteht", sagt Biz Stone. Ein neuer Raum, in dem ein kommunikatives Grundrauschen entstehe, welches, anders als die Meldungen der Towerbridge, durchaus auch für die Masse relevant sein könne.

Twitter: Irgendwann wird's zu viel Gezwitscher. Quelle: Johannes Kretschmar
Johannes Kretschmar
... wer zu vielen Twitter-Nutzern folgt, der verliert den Überblick

Twittern als PR-Werkzeug

Über die Tweets genannten Kurzmeldungen lassen sich nämlich nicht nur private Botschaften austauschen, sondern auch Wähler beeinflussen und Käufer gewinnen. Längst ist Twitter als professionelles PR-Werkzeug erprobt. Die wiederauferstandene Britney Spears hat sich unter dem Namen http://twitter.com/therealbritney einen weiteren Kanal geschaffen, um ihre Fans mit Nebensächlichkeiten aus ihrem Leben zu beliefern. Immerhin mehr als 8400 Follower beoabachten ihr Treiben. Sogar als Wahlkampftool hat Twitter seine Bewährungsprobe bestanden. Barack Obama und Hillary Clinton zählten beim Kampf um das Weiße Haus zu den bekanntesten Anwendern, wobei Obama (https://twitter.com/BarackObama), gemessen an der Anzahl seiner Follower, auch dieses Rennen klar für sich entscheiden konnte.

 

Vorsicht: Fake!

Doch Twitterneulinge sollten vorsichtig sein: Nicht hinter jedem Politikerprofil bei Twitter steckt der vermutete Mensch. Gerade Politikerparodien haben sich dort zu einer neuen Stilform entwickelt. So treiben sich Doppelgänger von Merkel, Schäuble und Müntefering auf Twitter herum und leiten die Nutzer mit ihren Mitteilungen in die Irre.

 

In anderen Fällen hat Twitter gezeigt, dass die ausgetauschten Informationen durchaus von hoher kritischer Relevanz sein können. Wie beim Erdbeben im Mai 2008 im chinesischen Sichuan. Erste Nachrichten, die ein Bild über das Ausmaß der Katastrophe vermittelten, waren Augenzeugen-Tweets von vor Ort. Das machte es für die chinesische Regierung schwierig, den Informationsfluss zu kontrollieren. Der in Schanghai lebende niederländische Journalist und Autor Fons Tuinstra schrieb hierzu in sein Blog: "Für mich hat sich Twitter innerhalb kurzer Zeit zu einem exzellenten Informationstool entwickelt, welches Nachrichten aus verschieden Quellen zusammenführt."

EXTERNE LINKS

Twitter überlastet: Gibt es Alternativen?

Der Twitter-Boom hat auch seine Schattenseiten: Immer wieder zeigte twitter.com in den vergangenen Wochen statt neuester Nachrichten nur eine Störungsmeldung - Erfolg als Belastung. Wirkliche Alternativen sind nicht in Sicht - noch nicht. Aber die Vielzahl der Anbieter zeigt, dass Bedarf besteht. Am agilsten gebärdet sich momentan identi.ca, wo auch schon mehrere Kurznachrichten in der Minute einlaufen - und es gibt sogar Anwendungen, die dem Nutzer identi.ca- und Twitter-Gezwitscher zusammen präsentieren.