Wie sehr sich mittlerweile echtes Leben und virtuelle Welten durchdringen, zeigt sich besonders beim weiten Feld des digitalen Aktivismus. Denn häufig beginnen politische Kampagnen oder Protestaktionen mit einem Onlineaufruf, um sich dann auf der Straße fortzusetzen. Die Gruppe Anonymus beispielsweise rief die Menschen mit einem auf Youtube verbreiteten Video zum Kampf gegen die Scientology-Sekte auf.
Der "Call to Action" genannte Film der Scientology-Gegner wurde mehr als drei Millionen mal auf Youtube aufgerufen und führte geradewegs zum Straßenprotest. Tausende folgten dem Aufruf. Seit dem 10. Februar 2008 demonstrieren Menschen in aller Welt gegen die Sekte. Sie beziehen Stellung vor ihren Kirchen und Ständen, um die Bürger zu warnen und zu informieren. Die unsichtbare Grenze zwischen Cyberspace und Realität ist überschritten.
"Die Informationen sind vorhanden. Es liegt an dir, sie zu nutzen", heißt es auf den Anonymus-Seiten. Und weiter: "Bewaffne dich selbst mit Wissen. Anonymus lädt dich ein, das Banner der freien Meinungsäußerung zu ergreifen. Anonymus ist eine Gruppe von Individuen, vereint in dem Bewusstsein, dass jemand das Richtige tun muss. Anonymus ist jeder - überall."

Das Web bietet dem Bürger alles, was er benötigt, um politisch aktiv zu sein: Informationen, einen Kommunikationskanal und ein effektives Koordinationswerkzeug. Dabei ist in den Zeiten des so genannten "Social Web" Protest, der vom Internet ausgeht, nicht automatisch mehr eine kriminelle Handlung. Zwar gibt es weiter Hacker, die versuchen mit ihren Attacken die Computer ihrer Gegner lahmzulegen. Doch die neue Form des Protests im Web holt die Menschen dort ab, wo sie sich aufhalten: in den mitgliederstarken Netzen wie Facebook oder MySpace.
Protestbotschaften verbreiten sich dort genau über die gleichen Mechanismen, über die diese Netze selbst groß geworden sind. Also über Empfehlungs- und Freundschaftssysteme, Gruppenzugehörigkeit und virale Prozesse. Eine besondere Bedeutung haben zudem Videoplatformen wie Youtube, weil hier die Botschaften visualisiert und über einen eigenen Medienkanal unabhängig weiterverbreitet werden können.
So entsteht im Web ein neuer, transnationaler politischer Raum, der unabhängig von Ort und Zeit genutzt werden kann. Jeder Nutzer kann sich beteiligen - anonym oder offen - auch technisches Wissen ist nicht mehr erforderlich. Das Web ist in seiner Struktur optimal geeignet für die Organisation von politischem Protest. Es ist dezentral organisiert, hat eine offene Architektur und ist damit schwer zu kontrollieren. Es stellt einen Baukasten an Kommunikationswerkzeugen zur Verfügung, aus dem sich die Aktivisten frei bedienen können.
Neben dem Auftritt in Netzwerken kommen die Kampagnenwebsite oder das Blog, ein Twitterfeed, eine Mailingliste und ein Forum hinzu. Die Werkzeuge stehen meist kostenlos, individualisierbar und frei kombinierbar jedem zur Verfügung.
Doch motiviert das Vorhandensein dieser Möglichkeiten die Menschen noch nicht von selbst. "Elektronische Attacken allein zeigen nur geringe Erfolge", sagt Dieter Rucht. Für den Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) ist das Internet nicht automatisch eine Demokratie-Maschine, durch die der Einzelne mit geringem Aufwand, schnell und kostengünstig auf die Politik einwirken kann. Ohne eine Strategie, ohne einen Anlass und ohne Verankerung in unserer Kohlenstoffwelt verpuffe der Protest in den Weiten des Cyberspace.
Ist jedoch ein ausreichendes Maß an Wut über herrschenden Zustände vorhanden, dann allerdings genügt schon ein einzelner Bürger, der mit Hilfe des Internets eine Protestlawine lostreten kann. So steckte kein ausgeklügelter Plan dahinter, als Oscar Morales, ein 33-jähriger kolumbianischer Ingenieur Anfang 2008 in der Community Facebook die Gruppe "A Million Voices against FARC" eröffnete. Er wollte dort nur seinen Zorn gegen die täglichen Gräueltaten der Rebellen-Organisation ausdrücken. Nach nur einer Woche war die Mitgliederzahl der Gruppe auf 100.000 angewachsen und in der Folge fanden in 165 Städten überall auf der Welt Protestmärsche gegen die FARC statt.
Wie sehr manche Herrschende diesen in ihren Augen anarchistischen Kanal fürchten, lässt sich an den drakonischen Strafen erkennen, die es immer wieder für Onlineaktivisten im Iran, China oder der arabischen Welt gibt.
Zumindest in Europa hat aber die Politik die Zeichen der Zeit erkannt und fördert aktiv die Bürgerbeteiligung über das Internet. Die Regierung in Großbritannien erlaubt Bürgern sogar, direkt auf der Regierungsseite eigene Onlinepetitionen einzurichten, selbst wenn dabei manchmal ein Gesetz auf der Strecke bleibt, welches vielleicht im Sinne der Allgemeinheit sinnvoll gewesen wäre: Fast 1,8 Millionen Briten setzten 2007 ihren Namen unter eine Petition, die eine von der Regierung Blair geplante Auto-Maut zu Fall brachte.
Mittlerweile ist die Anzahl an Online-Protestformen und Kampagnen-Webseiten nahezu unüberschaubar. Ein neues Angebot aus den USA mit dem Namen DigiActive, hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, eine Art Wegweiser und Best-Practice-Portal für den politischen Protest im Web zu werden. "Mit modernen Onlinetools lässt sich die Wirkung von Bürgerprotest gezielt verstärken. Unser Ziel ist es, politischen Aktivisten zu mehr Erfolg zu verhelfen", erklärt Patrick Meier, Forschungsleiter bei DigiActive.
Im besten Fall entsteht dann durch das Internet Waffengleichheit zwischen den Aktivisten und den Mächtigen. Dann kann der Funke des Protests überspringen auf die Straße und Veränderungen bewirken. Andernfalls verpufft die Botschaft ungehört und wird zum Teil des Hintergrundrauschens im World Wide Web.
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