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19. März 2010
 

Elektrischer Reporter

 

Journalismus: Wer soll das bezahlen?

[Video]

Die Druck-Auflagen sinken. Aber im Web fehlen noch alternative Geschäftsmodelle.

Elektrischer Reporter - Folge 15

Wenn Leser für Recherche zahlen

Wie lässt sich Journalismus im Web finanzieren?

von Mario Sixtus und Julius Endert

Aus der einst klar strukturierten Welt der Massenmedien ist mittlerweile ein unübersichtliches Chaos von Medienmassen geworden. Da muss jeder um die Gunst der Leser, Hörer oder Zuschauer kämpfen. Gerade die Verlage fühlen sich dabei benachteiligt: Sie sehen ihre Leistungen und Inhalte nicht gerecht honoriert. Es stellt sich die Frage: Wie lässt sich solider Journalismus künftig finanzieren?

 
 
 
Hubert Burda. Quelle: imago
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Großverleger Hubert Burda ist sauer auf Google.

"Wir werden schleichend enteignet", wetterte Großverleger Hubert Burda im Juni diesen Jahres in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Kritik richtete sich gegen Google News - das Angebot wird von den Verlagen besonders häufig des puren Schmarotzertums bezichtigt. Google News sucht wie ein riesiges Nachrichtenradar die führenden Nachrichtenseiten ab und stellt die Schlagzeilen auf einem eigenen Nachrichtenportal zusammen.

 

Die Kritik von Burda war nicht nur der Angriff gegen Internetprovider und Suchmaschinen, die die Möglichkeiten im Netz nutzen und so neue Wege der Nachrichtenverbreitung finden. Es war auch das Eingeständnis, dass die Verlage immer noch keinen Weg gefunden haben, um mit journalistischen Inhalten im Internet Geld zu verdienen. "Onlinewerbung funktioniert. Aber sie landet vor allem bei Suchmaschinen wie Google oder Yahoo", schreibt Burda, der zugleich Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger ist.

 

Verleger fordern "faire Beteiligung"

So wie der Großverleger aus Offenburg (Bunte und Fokus) sehen sich europaweit Verleger durch die neuen Kräfte im Web unter Druck gesetzt und fordern in der "Hamburger Erklärung" den Schutz des geistigen Eigentums und "eine faire Beteiligung an den Umsätzen derjenigen, die unsere Inhalte vermarkten". 166 europäische Verlage haben sich der Erklärung mittlerweile angeschlossen.

 
Google-Logo mit Halloween-Motiven. Quelle: google.com
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So böse wie sich Google an Halloween zeigt, empfinden die Verlage den Konzern das ganze Jahr über ...

Dabei nutzen die Verlage die Dienste von Google selbst intensiv, wenn es darum geht, im Internet Geld zu verdienen. Beispielsweise ist es in vielen Häusern üblich, über gekaufte Suchbegriffe (Google-Adwords) die Nutzer auf Artikel der eigenen Webangebote zu leiten. Außerdem wird alles daran gesetzt, die eigene Portale google-konform zu programmieren, weil ihnen dann der Suchgigant sogar kostenlos Nutzer zuführt.

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Auch deshalb fiel die Antwort von Google im firmeneigenen Blog knapp, aber sehr deutlich aus: Wer nicht mehr von Google verlinkt werden wolle, könne durch einen einfachen, in die Seite eingebetteten Befehl den Robots der Suchmaschine den Zutritt verwehren. Die entsprechenden Programmierzeilen wurden direkt mitgeliefert.

 

Erfolgreiche Technik-Blogs

Jenseits des Geschäfts mit der Massenware, versuchen kleinere Anbieter im Netz ebenfalls ein Stückchen vom Kuchen zu ergattern. So sind viele Blogger mit der Spezialisierung auf ein Thema erfolgreich. Vor allem Technologie-Blogs zeigen, dass Berichterstattung im Web ein einträgliches Geschäft sein kann. Und es gibt viele solcher Websites, die nur aus Berichten über brandneue Technik bestehen. Zum Beispiel Netbooknews.de: Gründer Sascha Pallenberg hat mittlerweile vier Co-Blogger an Bord und ist kürzlich nach Taiwan umgesiedelt, um von dort noch schneller über neue Kleincomputer berichten zu können.

 

Diese Journalismus-Einzelkämpfer brauchen keinen Apparat zu unterhalten und sind dann häufig schon am Ort des Geschehens, wenn die Verlagstruppen noch im Wendemanöver stecken. Pallenberg verfügt über beste Kontakte zu den Herstellern und wird mittlerweile mindestens so zuverlässig mit Testgeräten versorgt, wie die Redaktionen großer Computerzeitschriften.

Jochen Wegner, Chefredakteur Focus.de. Quelle: ZDF,cc-by-nc-sa
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Focus.de-Chefredakteur Jochen Wegner sieht Technik-Blogs klar im Vorteil.

Keine Quersubventionierung mehr

Blogger, die sich derart positionieren, profitieren zudem von den neuen Nutzungs-Gewohnheiten im Internet. Überwiegend suchen die Leser nicht mehr nach gebündelten Inhalten wie bei einem Magazin, sondern springen von ihren Interessen geleitet von Artikel zu Artikel.

In der Konsequenz muss jeder Inhalt, sei es Text, Grafik, Foto oder Video sein Geld selbst verdienen. Die bei Produkten wie Zeitungen oder Magazinen gängige Quersubventionierung, beispielsweise der anzeigenschwachen Poltikberichterstattung durch den Reiseteil, entfällt. "Ein Blog, das ausschließlich sich um Gadgets kümmert, wird immer ganz toll überleben können, mit ganz tollen Margen", meint dazu Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus.de.

 

Veränderte Zugangswege

Selbst die Website-Besucher der New York Times und der Washington Post kommen mittlerweile zu zwei Dritteln durch Seiteneingänge, also über Suchmaschinen oder E-Mail-Links. Diese Leser fragt sich nicht mehr: Was hat die Washington Post mir heute zu sagen, sondern picken sich die Rosinen aus dem Angebot, vieles bleibt ungenutzt. Eine dramatische Veränderung in der Beziehung zwischen dem Nachrichtenkonsument und dem Nachrichtenproduzent.

 

Stiftung zahlt aufwändige Recherchen

Aber noch glauben die Verlage an die Zahlungsbereitschaft ihrer Leser. Rupert Murdoch, Herrscher über das Medienimperium News Corp und seit 2007 auch Besitzer des Wall Street Journals, will bis 2010 auf allen Medien-Websites seines Konzerns für Inhalte Geld sehen. Seit seinem Vorstoß im Sommer diesen Jahres ist das Thema wieder in aller (Verleger-) Munde. Von Holtzbrinck bis Springer planen auch die deutschen Verlage, den Nutzern ihrer Webseiten Rechnungen zu schreiben.

Richard Tofel von ProPublica-Stiftung. Quelle: ZDF,cc-by-nc-sa
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Richard Tofel, Geschäftsführer der ProPublica-Stiftung

Doch selbst wenn es handlichere Systeme als bisher zur Bezahlung geben sollte, bleibt es fraglich, ob die Nutzer für politische Hintergrundberichterstattung oder zeit- und arbeitsaufwändigen Investigativ-Journalismus wirklich zahlen werden. "In vielen Nachrichtenbereichen steht uns ein Marktversagen bevor. Wenn der Markt versagt - so heißt es in den Wirtschaftslehren - braucht man öffentliche Güter. Ich denke, in diesen Fällen, in denen der Markt versagt, wird gemeinnützig finanzierter Journalismus eine zunehmend wichtige Rolle spielen", sagt Richard Tofel, von der ProPublica-Stiftung in den USA.

Kriegsberichterstatter Christopher Allbritton. Quelle: ZDF,cc-by-nc-sa
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Kriegsberichterstatter Christopher Allbritton per Webcam aus Pakistan

Leser finanzieren Reporter direkt

Deshalb wird eine weiteres Finanzierungsmodell diskutiert: Unter ProPublica.org werden die Recherche-Ergebnisse den Medien kostenlos zur Verfügung gestellt. Etliche Artikel, deren Autoren von der Stiftung finanziert wurden, sind schon in namhaften Publikationen erschienen.

Der Nahost-Reporter Christopher Allbritton dagegen berichtete 2003 auf eigene Faust vom Irak-Krieg in seinem Weblog back-to-iraq.com, finanziert ausschließlich durch Spenden seiner Leser. Ein journalistisches Abenteuer, das inzwischen Internet-Angebote wie Spot.us inspiriert hat. Die Plattform versucht Leser als direkte Finanziers und Berichterstatter zusammenzubringen und auf diese Weise unabhängige Reportagen zu ermöglichen.

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Suche nach neuem Verständnis

Obwohl Spot.us Christopher Allbritton offiziell als Vorbild nennt, ist befürchtet dieser, dass das Modell keine Zukunft hat. Die einzige Möglichkeit, wirklich guten, unabhängigen Journalismus zu finanzieren, sei "eine Institution zu haben, die nicht von der Regierung bezahlt wird, nicht durch Spenden, sondern von der Öffentlichkeit finanziert wird, entweder durch Anzeigen oder durch Subskriptionsgebühren", so Allbritton.

Vermutlich muss im Netz zuerst ein neues journalistisches Verständnis für die Vielzahl der neuen Kanäle entstehen, bevor sich ein neues Geschäftsmodell für Journalismus entwickelt. Und vielleicht ist dafür wieder Google das beste Beispiel. Bevor aus Google ein milliardenschwerer Konzern wurde, gab es nichts als das Angebot an die Nutzer, einen neuen Such-Dienst im Web auszuprobieren.